Gottesdienst der ETWAS anderen Art

Schreibe einen Kommentar
main / travel

Da singt jemand. Ich steige vom Rad und schaue neugierig genug, um sofort reingewunken zu werden. Sicherheitshalber frage ich nach, ob es sich hier um einen Gottesdienst handelt – der Mann auf der Bühne wirkt nicht wirklich wie ein Pfarrer, aber diese flackernden Lichterketten vor den geschwungenen Stoffgirlanden erinnert mich an Kirchen in Osteuropa und die Besucher in ihren Sonntagskleidern lauschen sehr andächtig. Später fällt mir auf, dass jemand ‘church’ auf die Plastikstühle geschrieben hat.

Immer mal wieder gehen einige Leute nach vorn

Das theatralische Auftreten des Pfarrers ist unterhaltsam, auch wenn man (wie ich) kaum ein Wort Suaheli spricht. Eine Art Keyboard, ein Sänger und drei Sängerinnen sorgen sehr gekonnt für Untermalung.

Dann sollen alle singen – immer die gleichen zwei Zeilen. Eine Frau weiter vorne macht schwer definierbare Geräusche. Hat sie einen Anfall? Ist sie geistig behindert? Niemand scheint beunruhigt zu sein. Dann ändert sich etwas…

Die Stimmung im Raum kippt – mehreren Frauen in meiner Umgebung laufen Tränen über das Gesicht. Auch meine Emotionen gehen mit – ich bin gleichzeitig aufgeregt und irgendwie ergriffen. Alle bewegen sich langsam Richtung Bühne – eine ältere Frau scheucht mich ebenfalls vor. Eine andere Frau fängt an, um sich zu schlagen. Die Umstehenden fangen ihre Hände ein und drücken die laut weinende Frau Richtung Boden. Sie zuckt. Bleibt liegen. Alle singen weiter. Der Pfarrer hat seine Jacke ausgezogen und wedelt mit ihr irgendetwas schreiend Richtung Publikum. Drei oder vier weitere Frauen gehen zu Boden – die Leute hier haben eindeutig Übung darin. Alle kommen ohne blaue Flecken unten an und niemand in der Menge tritt auf sie. Als eine der Frauen direkt vor mir wieder aufsteht, scheint sie wieder ganz normal zu sein. Was passiert hier?

Nach vielleicht 10 Minuten ist es vorbei. Alle gehen zurück auf ihre Plätze – außer ich. Als einzige Weiße falle ich natürlich auf und der Pfarrer hat das Bedürfnis, mit mir zu reden. Ich bekomme ein Mikro in die Hand gedrückt – aber reden tut hauptsächlich der Pfarrer. Meine Antworten passen eh nicht so richtig in sein Konzept. Gott hat ihm nämlich mitgeteilt, dass ich eine sehr erfolgreiche Organisation in Tansania, Uganda und Sambia aufbauen werde – ich schätze, dass er von einer christlichen Hilfsorganisation spricht. Ich teile ihm vorsichtig mit, dass er da wohl schon mehr weiß als ich – das war nämlich eigentlich nicht so mein Plan… Aber er ignoriert meine Antwort weitgehend und fragt, ob er für mich beten darf. Kann nicht schaden – und ich habe auch kein Interesse ihn irgendwie vor den Kopf zu stoßen. Dass ich als nicht-Christin mich aus kulturellem Interesse in einen Gottesdienst setze, dürfte hier größere Irritation hervorrufen…

Bevor ich zurück auf meinen Platz darf muss noch ein Mobiltelefon gefunden werden – der Pfarrer will noch ein Foto, wie er mir die Hand schüttelt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.